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Anlässlich des 175. Geburtstags von Bertha von Suttner am 9. Juni fand in Den Haag eine Feier mit internationalen Gästen und das Seminar "Friends of Bertha" statt. Dr. Guido Grünewald, Friedenshistoriker und internationaler Sprecher der DFG-VK, hielt dort den hier dokumentierten Vortrag. (Die englische Fassung des Vortrags findet sich hier: http://bertha-von-suttner-stiftung.de/175-englisch.html)

 

Die Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) ist 1974 aus dem Zusammenschluss von drei pazifistischen Organisationen entstanden. Die Deut-sche Friedensgesellschaft (DFG) ist die älteste dieser Organisationen. Sie verdankt ihre Gründung im November 1892 einer Initiative Bertha von Suttners, die im März 1892 in Berlin einen Vortrag hielt und den damals in Berlin lebenden Alfred Hermann Fried hartnäckig antrieb, gegen alle Widerstände – angesprochene liberale Politiker z.B. reagierten zurückhaltend – die Gründung einer deutschen Friedens- organisation zu betreiben. Dass dies schließlich in Berlin, dieser „Zitadelle des Militarismus“, gelang, war für Bertha von Suttner ein kleiner Triumph.
Bertha von Suttner blieb bis zu ihrem Tod für viele Mitglieder der DFG ein leuchtendes Vorbild. Einerseits durch ihre Beschwörung der Moral und den Appell an Gefühle, um Abscheu vor dem Verbrechen Krieg hervorzurufen, beispielhaft in einem Brief an den Frauenbund der DFG von Juni 1914: „Lassen wir unsere Herzen sprechen. Im Namen der Liebe ... wollen wir den Krieg bekämpfen; nicht nur, weil er sich nicht mehr auszahlt und daher eine Torheit – sondern weil er grausam und daher ein Verbrechen ist.“ Gleichzeitig lasen zahlreiche DFG-Mitglieder ihre „Randglossen zur Zeitgeschichte“, die sie zwischen 1892 und 1899 sowie von 1906 bis 1914 in den Monatsblättern „Die Waffen nieder!“ und „Die Friedens-Warte“ (beide herausgegeben von Alfred Hermann Fried) veröffentlichte. Dort analysierte sie scharfsinnig Entwicklungen der Gesellschaft und der internationalen Politik und warnte hellsichtig vor den Folgen eines großen Krieges (1. Weltkrieg) für das europäische Gesellschafts- und Mächtesystem. Denn Bertha von Suttner war nicht nur eine unermüdliche Agitatorin und Mahnerin, sie war auch eine ausgezeichnete Journalistin von hoher Sachkompetenz und mit wachem Gespür für das Zeit- geschehen.
Vor allem in den Jahren der Weimarer Republik grenzten sich Teile der deutschen Frie-densbewegung von Bertha von Suttner ab. Carl von Ossietzky hat ihr z.B. 1924 „Wehleidig-keit“ und „Weltfremdheit“ vorgeworfen und sie als „Priesterin des Gemüts“ abgestempelt; er reduzierte Suttner auf die Rolle der moralischen Anklägerin. Seit 1945 genießt Bertha von Suttner in der DFG aber wieder ein hohes Ansehen, und das gilt auch für die heutige DFG-VK.
Da ich nur wenig Redezeit habe, hier in aller Kürze einige Aspekte, weshalb Bertha von Suttner auch für heutige Aktivist*innen von Bedeutung ist:
Wir schätzen die unermüdliche Agitatorin, die plastisch vor den Schrecken des Krieges warnte und dabei klare, unmissverständliche Worte wie „Mordarbeit“ oder „befohlenes Massenverbrechen“ benutzte. Die moralische Anklage derjenigen, die Kriege vorbereiten, sich für sie rüsten oder Mordwerkzeuge herstellen bzw. verkaufen, ist auch heute noch wichtig; die DFG-VK praktiziert dies aktuell z.B. in Aktionen gegen deutsche Rüstungsexporte.
Wir schätzen die politische Journalistin für ihre oft scharfsinnigen Analysen und Kommen-tare. Sachkompetent das Zeitgeschehen zu begleiten, auf Konflikte medial deeskalierend einzuwirken und nicht-militärische Alternativen aufzuzeigen zählt auch heute zu den Auf-gaben von Pazifist*innen.
Es gibt eine Reihe von Einsichten und Zielen, die bereits Bertha von Suttner formuliert hat und die auch heute noch auf unserer Tagesordnung stehen:
- Globale Probleme wie Klimawandel oder die politisch-rechtliche Einhegung der Digitali-sierung lassen sich nicht national lösen, sondern nur durch internationale Zusam-menarbeit. 

- Ein auf Rüstung und Militärbündnisse gestützter Friede ist nicht dauerhaft. Notwendig ist eine internationale Ordnung, die auf dem Völkerrecht basiert. Dann wäre auch der unerträgliche Zustand beseitigt, dass einzelne Machthaber oder Regierungen eigenständig über Krieg und Frieden ent- scheiden. 

- Bertha von Suttner hat immer wieder darauf gedrängt, aus der Gewaltspirale auszubre-chen. Zu ihren Lebzeiten gab es nur wenige nicht-militärische Mittel der Konflikt-schlichtung. Heute ist der Werkzeugkasten für zivile gewaltlose Krisenprävention und Konfliktbearbeitung gut gefüllt. Die Aufgabe besteht darin, dies bekannt zu machen sowie für die Anwendung dieser Instrumente und ausreichende Finanzmittel einzutreten. 

- Frieden ist keine Frage von Klasse oder Geschlecht, sondern ein „Menschheitsprob-lem“ (Gorbatschow). Notwendig ist eine breite Zusammenarbeit Vieler. Suttner vertraute auf die Friedensfähigkeit und die Tatkraft der Individuen. Das Recht auf Leben war für sie „unverletzlich und heilig“, allerdings mit Ausnahme staatlicher Notwehr. Wir teilen diese Positionen, sehen aber im Unterschied zu Suttner in der Kriegsdienstverweigerung ein wertvolles Aktionsmittel gegen Kriegsvorbereitung. 
Bildung und Erziehung waren für Ber-tha von Suttner ein Schlüssel zum Frieden. Mir fehlt hier der Platz, darauf näher einzugehen. Eine Kultur des Friedens zu fördern sowie die Fähigkeit, vom Frieden her zu denken, ist eine Kernaufgabe, die sich die Bertha-von-Suttner-Stiftung der DFG-VK (Gründung 1993) gestellt hat. Themen der letzten Jahre waren beispielsweise „Erinnerungskultur in der Ukraine und in Deutschland“, „Entmilitarisierung des Niederrheins“, „Zivile Lösungen für Syrien“ sowie ein Symposium „Zukunft des politischen Pazifismus“. In Planung ist ein 
Wettbewerb für Schulen, die den Namen Bertha von Suttner tragen und sich in einem ausführlichen Projekt mit dem Lebenswerk Suttners auseinandersetzen sollen.
Ungeachtet der Größe ihrer Persönlichkeit und Verdienste sollten wir Bertha von Suttner nicht ikonisieren. Held*innen bleiben meist in einer Distanz zu gewöhnlichen Menschen. Werden sie menschlich mit ihren Fehlern, rücken sie dem Publikum deutlich näher. Bertha von Suttner steht mit Alfred Hermann Fried für den Anfang der Deutschen Friedensgesellschaft. Ein Ende ihres Einflusses ist nicht absehbar.